
Das Geschichtensäckchen
Abends bittet euer Kind „Erzähl mir eine Geschichte", und genau da scheitert ihr oft. Das liegt nicht an fehlender Lust. Unter Druck fällt euch einfach nichts ein. Das Geschichtensäckchen ersetzt die leere Seite. Ihr zieht drei Gegenstände aus einem Beutel, und diese drei Dinge sind der Anfang.
Die Methode kommt aus der Sprachförderung in Kitas. Dort gehören Geschichtensäckchen und Erzählkisten seit Langem zum Handwerk. Die Kinder ziehen ein bis drei Dinge heraus, und daraus entsteht eine Geschichte. Vielleicht kennt ihr die verwandte Reizwortgeschichte aus der Grundschule. Dort wird aus vier bis sechs vorgegebenen Wörtern eine Erzählung. Beim Säckchen liegt dagegen ein Gegenstand in der Hand. So funktioniert es auch bei Kindern, die noch nicht lesen.
Ihr braucht nur einen Beutel und eine Handvoll Dinge. Das Zusammenstellen dauert fünf Minuten, und ihr macht es nur einmal. Danach ist das Säckchen jeden Abend einsatzbereit. Eine Runde dauert zehn Minuten, oder eine halbe Stunde, wenn es gut läuft.
Das braucht ihr
Das stellt ihr einmal zusammen und benutzt es danach immer wieder:

1 Stoffbeutel
Ein Brotbeutel, ein Kulturbeutel oder ein Kissenbezug reicht. Er muss nur blickdicht sein, denn das Ziehen soll eine Überraschung sein. Eine Kiste mit Deckel geht genauso.
8–12 kleine Gegenstände
Wäscheklammer, Schlüssel, Kieselstein, Murmel, Wollfaden, Korken, Löffel, Knopf, Muschel, Streichholzschachtel, Kastanie, ein Stück Stoff. Nehmt nichts Wertvolles, nichts Spitzes und nichts, was kaputtgehen darf.
1 Holzwürfel
Für ältere Kinder, wenn ihr mögt: ein blanker Bauklotz. Auf seine Seiten schreibt ihr mit Bleistift sechs Orte oder sechs Gefühle. Der Würfel bestimmt dann, wo die Geschichte spielt.
Nichts zum Kaufen
Falls ihr bei fertigen Erzählkarten ins Überlegen kommt: Die Dinge aus eurer eigenen Schublade funktionieren besser. Euer Kind kennt sie, und sie lassen sich anfassen.
So geht's
Schritt 1
Den Beutel füllen – gemeinsam
Erwachsene + Kind
Geht gemeinsam durch eure Wohnung und sammelt acht bis zwölf kleine Dinge ein. Gute Gegenstände sind eindeutig erkennbar, aber nicht festgelegt. Ein Schlüssel kann zu einer Tür, einer Kiste, einem Geheimnis oder einem Auto gehören. Eine Plastikfigur mit Gesicht ist dagegen schon eine Rolle und lässt wenig Platz.
Das Einsammeln gehört schon zum Spiel. Kinder wählen anders als Erwachsene. Ein Gegenstand, den euer Kind selbst ausgesucht hat, taucht später in der Geschichte mit Vorrang auf.
Schritt 2
Drei Dinge ziehen, ohne zu gucken
Kind
Euer Kind nimmt drei Gegenstände blind aus dem Beutel und legt sie vor sich hin. Drei ist die Zahl, die funktioniert. Zwei ergeben zu wenig Spannung, und ab fünf verliert ihr den Faden. Für Dreijährige reicht einer.
Danach schaut ihr euch die Dinge kurz an und benennt sie. Fangt noch nicht mit dem Erzählen an. Das Anfassen und Benennen ist schon der erste Teil, bei kleineren Kindern manchmal sogar der ganze.
Schritt 3
Der Anfang gehört dem Erwachsenen
Erwachsene
Der erste Satz ist meistens der schwerste, deshalb übernehmt ihr ihn. Formuliert ihn so, dass er eine Frage offen lässt. Etwa so: „Als Marie morgens aufwachte, lag ein Schlüssel auf ihrem Kopfkissen. Und der passte in kein Schloss im ganzen Haus." Mit „Was hat sie gemacht?" gebt ihr die Geschichte dann an euer Kind weiter.
Für einen guten Anfang reichen einer der Gegenstände, ein Ort und ein Problem. Wenn ihr den zweiten Satz auch noch sagt, habt ihr eurem Kind die Geschichte weggenommen.
Schritt 4
Abwechselnd weiter, Satz für Satz
Erwachsene + Kind
Jetzt wechselt ihr euch ab: Ein Satz kommt vom Kind, ein Satz von euch. Die einzige Regel ist, dass alle drei Gegenstände irgendwann vorkommen müssen. Sobald einer eingebaut ist, legt ihr ihn zur Seite. So seht ihr auch, wie weit die Geschichte ist.
Zwei Dinge helfen euch dabei. Stellt Fragen, statt Vorschläge zu machen, also „Und wie kam sie über den Fluss?" statt „Dann nahm sie ein Boot." Und korrigiert nichts. Wenn der Hund in der Geschichte plötzlich fliegt, dann fliegt er eben. Logikfehler sind hier Material für die Geschichte.
Schritt 5
Ein Ende finden, auch ein schnelles
Erwachsene + Kind
Wenn alle drei Gegenstände zur Seite gelegt sind, erzählt ihr das Ende. Es darf ruhig abrupt sein. „Und dann war sie wieder zu Hause und hat gefrühstückt" ist ein vollkommen gültiger Schluss. Meistens ist das sogar der, den Kinder selbst wählen.
Besprecht die Geschichte danach nicht und bewertet sie nicht. Wenn ihr mögt, haltet sie fest, mit drei Stichworten auf einem Zettel oder als Aufnahme mit dem Handy. Ein Säckchen, zu dem es eine Schachtel mit Zetteln gibt, wird nach einigen Wochen selbst zur Sammlung.
Gelingt sicher
- Warum es überhaupt wirkt
- Beim Zuhören und beim eigenen Erzählen braucht euer Kind Sprache und Merkfähigkeit, Fantasie und Empathie gleichzeitig. Erzählen ist deshalb in der Sprachförderung ein eigenes Werkzeug und nicht nur Unterhaltung. Der Gegenstand in der Hand nimmt dabei die Last vom Kopf. Euer Kind muss sich nichts merken, es sieht, was noch offen ist.
- Wenn nichts kommt
- Dann war der Anfang meistens zu offen. Zwei Rettungsanker helfen euch. Stellt eine geschlossene Frage wie „War es Tag oder Nacht?". Oder holt euer Kind selbst in die Geschichte, etwa mit „Und dann klopfte jemand – und wer stand vor der Tür?". Beides bringt fast immer einen nächsten Satz.
- Das Säckchen wechseln
- Nach einigen Wochen sind die Gegenstände abgenutzt, weil jede Geschichte schon einmal da war. Dann reicht es, die Hälfte auszutauschen. Oder ihr gebt ein Thema vor: nur Dinge aus der Küche, nur Naturfunde vom letzten Spaziergang, nur Dinge, die glänzen.
- Die Reizwort-Variante für Schulkinder
- Ab der zweiten Klasse geht es auch ohne Gegenstände. Ihr schreibt vier bis sechs Wörter auf, und jedes Wort muss in einem Satz vorkommen. Wenn euer Kind erst jedes Reizwort einzeln in einen Satz bringt, hat es danach fast automatisch eine Handlung. Es funktioniert wie das Säckchen, nur auf Papier, und übt nebenbei für Aufsätze in der Schule.
Für jedes Alter
- 4–6 · Kita & Vorschule
- Nehmt einen Gegenstand, nicht drei. Ihr erzählt, und euer Kind ergänzt einzelne Wörter oder Geräusche. Das Ziehen aus dem Beutel ist in diesem Alter der aufregendste Teil. Und wenn euer Kind am nächsten Abend dieselbe Geschichte noch einmal will, ist das ausdrücklich erlaubt.
- 7–10 · Grundschule
- Drei Gegenstände, und ihr wechselt euch Satz für Satz ab. Jetzt kommen Regeln dazu, die euer Kind erfindet: keine Zaubersprüche, muss in Hamburg spielen, muss traurig anfangen und lustig enden. Mit dem Würfel als Ortsgeber wird daraus ein festes Abendritual.
- ab 11 · Tweens & Teens
- Fünf Gegenstände und eine Einschränkung: in genau zehn Sätzen oder rückwärts erzählt, vom Ende zum Anfang. Oder euer Kind packt das Säckchen für die kleinen Geschwister und erzählt ihnen die Geschichte, was deutlich schwerer ist.
Sicherheitshinweise
- Keine Kleinteile für Kinder unter drei Jahren im Beutel. Murmeln, Knöpfe, Münzen und Perlen sind in diesem Alter Verschluckungsrisiken – für Kleinkinder ein eigenes Säckchen mit großen Dingen: Holzlöffel, Stoffstück, Bauklotz, Waschlappen.
- Nichts Spitzes und nichts Zerbrechliches hinein, weil blind hineingegriffen wird: keine Schere, keine Nadel, keine Glasfigur.
- Keine Medikamente, Batterien, Knopfzellen oder Magnete – auch nicht „nur als Gegenstand". Eine verschluckte Knopfzelle kann in der Speiseröhre schon nach rund zwei Stunden schwere Verätzungen verursachen, und mehrere verschluckte Magnete ziehen sich durch die Darmwand hindurch an und können sie durchtrennen. Beides ist ein Notfall: sofort in die Kinderklinik, auch ohne Beschwerden.
- Wenn das Säckchen abends im Bett benutzt wird: danach einsammeln. Kleinteile, die nachts im Bett liegen bleiben, finden am Morgen die kleineren Geschwister.
Varianten
- Variante 1
Das Naturfund-Säckchen
Füllt das Säckchen mit den Funden eurer letzten Schatzsuche: Kastanie, Eichel, Zapfen, Rindenstück, Feder. Daraus werden reihenweise Tiergeschichten, und der Spaziergang verbindet sich mit dem Abend.
- Variante 2
Erzählen zu zweit im Dunkeln
Macht das Licht aus und richtet eine Taschenlampe an die Decke. Ihr zieht die Gegenstände vorher und nehmt sie in die Hand. Dann erzählt ihr im Dunkeln. Viele Kinder sagen bei dieser Version am meisten.
- Variante 3
Die Geschichte malen
Malt nach dem Erzählen die Szene, die am meisten hängen geblieben ist. Aus drei Abenden wird so ein Heft, und aus eurem Erzählen ein Buch, das eurem Kind gehört.
- Variante 4
Weiterzählen am Telefon
Ein Gegenstand liegt bei euch, einer bei den Großeltern. Jeder zieht, dann erzählt ihr am Telefon abwechselnd. Das funktioniert überraschend gut, weil der Zwang zum Zuhören größer ist als im Zimmer.
Häufige Fragen
Ich kann einfach nicht erzählen. Geht das trotzdem?
Ja, keine Sorge, genau dafür ist die Methode gedacht. Ihr müsst keine Geschichte erzählen, nur einen Satz. Danach ist euer Kind dran. Wenn ihr den Anfang nach dem Muster Ort, Gegenstand, Problem baut, reicht diese Schablone, und ihr braucht keine Erfindungsgabe.
Mein Kind will immer dieselbe Geschichte.
Dann ist das für euer Kind die richtige Geschichte. Wiederholung hat in diesem Alter nichts mit fehlender Fantasie zu tun. So setzt sich Sprache fest. Wenn ihr trotzdem etwas ändern wollt, behaltet denselben Anfang und tauscht nur einen einzigen Gegenstand aus.
Wie unterscheidet sich das von Vorlesen?
Beim Vorlesen hört euer Kind zu, beim Erzählen produziert es selbst. Beides ist wichtig und hat seinen Platz. Das Säckchen passt in die zehn Minuten, in denen kein Buch zur Hand ist. Oder ihr nehmt es nach dem Vorlesen, wenn das Licht schon aus ist.
Lohnt sich ein gekauftes Erzählspiel mit Bildkarten?
Es funktioniert, ist aber teurer und nicht besser. Karten zeigen fertige Motive, Gegenstände lassen offen, was sie bedeuten. Ein Schlüssel aus eurer eigenen Schublade hat für ein Kind mehr Geschichte als ein gezeichneter.
Wie lange dauert eine Runde?
Zehn Minuten sind der Normalfall, fünf sind auch in Ordnung. Läuft es länger, liegt das nie an der Methode. Dann ist die Geschichte gerade gut, und ihr unterbrecht sie besser nicht.
Vorlesen und Erzählen in Hamburg
Hamburgs Bücherhallen haben in fast jedem Stadtteil feste Vorlesestunden für Kinder, meistens kostenlos und ohne Anmeldung. Dazu kommen Erzählnachmittage und Bilderbuchkinos in den Stadtteilzentren.
Vorlesen und Erzählen im Kalender →







