
Vorlesekalender: 24 Anfänge
Bei diesem Adventskalender zieht ihr jeden Abend eine Karte. Darauf steht keine ganze Geschichte, nur ihr Anfang. Weiter geht es im Bett, und den Rest denkt sich euer Kind beim Zuhören aus.
Das klingt nach mehr Arbeit als Vorlesen, ist aber weniger. Bei „Vor der Tür steht ein Karton ohne Absender“ müsst ihr nur abwarten. Die erste Vermutung kommt meistens von allein. Ab da läuft es fünf Minuten ohne euch.
Der Kalender kostet nichts. Ihr braucht 24 Zettel, eine Schnur und ein paar Klammern. Wenn euch ein Anfang nicht gefällt, streicht ihn und schreibt einen eigenen. Die Liste unten ist ein Vorrat, keine Vorschrift.
Das braucht ihr
Das reicht für einen Kalender mit 24 Karten. Vermutlich liegt bei euch alles davon schon in einer Schublade.

24 Zettel
Karteikarten, zugeschnittenes Druckerpapier oder Rückseiten alter Postkarten. Etwa Visitenkartengröße reicht, denn der Anfang ist ein Satz und keine Seite.
1 Stift
Dunkel genug, dass ihr die Karte auch bei Nachttischlampe lesen könnt. Denn dort wird sie gelesen.
Schnur und Klammern
Optional. Ihr könnt die Karten auch einfach in eine Dose legen und blind ziehen lassen. Das hat sogar den Vorteil, dass niemand vorausschaut.
Etwas zum Nummerieren
1 bis 24 auf die Rückseite. Wenn ihr die Reihenfolge offenlassen wollt, lasst es weg und zieht jeden Abend zufällig.
Die 24 Anfänge
Auf jeder Karte steht genau das, was ihr vorlest: zwei, drei Sätze. Dann seid ihr fertig, und euer Kind ist dran. Welcher Anfang zu welchem Alter passt, steht unten im Kasten „Für jedes Alter“.
- 1
Der Schneemann, der keiner sein wollte
Am Abend schiebt der Schneemann seinen Hut zurecht und sagt zur Amsel auf dem Zaun: „Ich bleibe hier nicht stehen.“ Die Amsel will wissen, wohin.
- 2
Was die Straßenlaterne nachts sieht
Es ist drei Uhr morgens, und die Laterne vor dem Haus ist die Einzige, die noch wach ist. Gerade kommt jemand mit einem Koffer um die Ecke.
- 3
Das Paket, das niemand bestellt hat
Vor der Tür steht ein Karton ohne Absender. Er ist leicht, und wenn man ihn schüttelt, hört man nichts. Auf dem Deckel klebt ein Zettel mit einem einzigen Wort.
- 4
Der Igel, der zu spät dran ist
Der Igel wacht auf, und draußen liegt Schnee. Die anderen schlafen schon seit Wochen. Er hat Hunger und überlegt, wen er um diese Zeit noch fragen kann.
- 5
Zwei Handschuhe, die sich suchen
Ein Handschuh liegt auf dem Zaun am Spielplatz. Der andere steckt in einer Manteltasche, drei Straßen weiter. Beide denken: heute finde ich dich.
- 6
Der Baum vor dem Fenster im Januar
Der Baum vor dem Fenster hat kein Blatt mehr übrig. Er steht da und wartet. Wenn man ihn fragen könnte, worauf — was würde er sagen?
- 7
Die Wichteltür, hinter der aufgeräumt wird
Hinter der kleinen Tür an der Fußleiste wird geschoben und geräumt, man hört es bis ins Bett. Morgen kommt dort Besuch, und fertig ist noch nichts.
- 8
Der Bus, der einmal falsch abbiegt
Die Linie 5 fährt wie immer, bis sie an der Kreuzung nach rechts abbiegt statt nach links. Niemand sagt etwas. Vorne summt der Fahrer.
- 9
Ein Stern, der nicht leuchten will
Alle Sterne sind schon an, nur einer bleibt dunkel. Nicht aus Trotz — er ist einfach müde. Die anderen rufen zu ihm herüber.
- 10
Die Socke im Trockner
Eine Socke geht in den Trockner und kommt nicht wieder heraus. Ihre Schwester wartet im Wäschekorb. Hinten in der Trommel gibt es nämlich eine Tür.
- 11
Der Hund, der den Schnee zum ersten Mal sieht
Die Tür geht auf, und alles ist weiß. Der Hund setzt eine Pfote hinein, zieht sie zurück und sieht zu seinem Menschen hoch.
- 12
Das Licht im Haus gegenüber
Im Haus gegenüber brennt nachts noch Licht, im Fenster ganz oben links. Jemand ist dort wach und macht etwas, das lange dauert.
- 13
Der Briefkasten, der Briefe liest
Der Briefkasten liest heimlich mit, bevor er die Briefe weitergibt. Heute ist einer dabei, den er sofort wieder zuklappt.
- 14
Wie die Elbe im Winter riecht
Am Elbstrand ist es kalt und ganz leer. Das Wasser riecht anders als im Sommer, nach Metall und nach weit weg. Irgendwo hinten tutet ein Schiff.
- 15
Die Maus in der Weihnachtsbaumkiste
Die Maus wohnt seit Juni in der Kiste mit dem Weihnachtsbaum, oben auf dem Dachboden. Heute hört sie Schritte auf der Leiter.
- 16
Der Mann, der Schnee schaufelt, obwohl keiner liegt
Jeden Morgen um sieben schaufelt der Mann von Nummer 12 seinen Weg frei. Es liegt kein Schnee. Es lag den ganzen Winter keiner.
- 17
Ein Paar Schlittschuhe, drei Größen zu groß
Die Schlittschuhe sind drei Größen zu groß, aber sie sind da, und der See ist zugefroren. Mit zwei Paar Socken, sagt Oma, geht das schon.
- 18
Der Weihnachtsmarkt nach Feierabend
Der letzte Stand macht zu, die Lichterketten gehen aus. Dann bewegt sich hinten eine der Holzfiguren und streckt sich.
- 19
Die Kerze, die als Letzte übrig bleibt
Vier Kerzen standen auf dem Kranz. Drei sind abgebrannt, die vierte ist noch fast ganz. Sie weiß, dass sie die Letzte ist, und überlegt, wie lange sie das hinziehen kann.
- 20
Der Schlüssel, der zu keiner Tür passt
In der Küchenschublade liegt ein Schlüssel, den niemand kennt. Er ist alt und schwer. Heute nimmt ihn jemand mit nach draußen und probiert ihn aus.
- 21
Was der Schneepflug träumt
Nachts steht der Schneepflug in der Halle und träumt. Nicht von Schnee — davon hat er genug.
- 22
Die Bank im Park und ihre Stammgäste
Auf der Bank am Teich sitzt morgens immer derselbe Mann mit einer Zeitung. Mittags eine Frau mit Kopfhörern. Abends oft niemand, aber die Bank ist noch warm.
- 23
Ein Tag, an dem alles rückwärts geht
Der Tag fängt abends an: erst Zähneputzen, dann Abendessen, dann Schule. Aufgewacht wird morgen früh, ganz am Ende.
- 24
Das letzte Türchen
Heute ist das letzte Türchen, und draußen ist es still geworden. Im Flur steht ein Koffer, der jemandem gehört, der nur über Weihnachten bleibt.
Gelingt sicher
- Der erste Satz gehört dem Erwachsenen, der zweite dem Kind
- Mehr Technik braucht ihr nicht. Wenn ihr vorlest und dann fragt „und dann?“, bekommt ihr oft nur ein Schulterzucken. Wenn ihr selbst zwei Sätze weitererzählt und mittendrin stockt, kommt fast immer eine Fortsetzung.
- Es muss nicht fertig werden
- Manchmal endet eine Geschichte im Nichts, weil jemand einschläft. Gescheitert seid ihr damit nicht. Am nächsten Abend fragt ihr „Wie war das nochmal mit dem Karton?“, und oft weiß euer Kind es noch genau.
- Aufschreiben lohnt sich einmal
- Schreibt nicht jeden Abend mit, sonst wird es zur Pflicht. Eine Geschichte im Advent lohnt sich aber. Wenn ihr sie am 24. vorlest, habt ihr ein Geschenk, das übrig bleibt, wenn die Schokolade längst weg ist.
- Wiederholung ist erlaubt
- Kinder ziehen gern dieselbe Karte nochmal. Die Geschichte wird beim zweiten Mal fast nie dieselbe, und der Vergleich ist für euch und euer Kind interessant.
Für jedes Alter
- 0–3 · Kleinkind
- Nehmt die kurzen, konkreten Anfänge wie den Hund im Schnee, die Handschuhe oder die Socke im Trockner. Mit Dreijährigen erzählt ihr mehr selbst und lasst sie einzelne Wörter einsetzen, etwa so: „und dann traf er einen … ?“
- 4–6 · Kita & Vorschule
- Mit Vier- bis Sechsjährigen habt ihr die beste Altersgruppe dafür. Sie übernehmen eine Geschichte oft nach zwei Sätzen komplett. Dann führen sie sie in Richtungen, auf die niemand gekommen wäre.
- 7–10 · Grundschule
- Euer Kind kann selbst Anfänge schreiben, und die eigenen sind meistens die besseren. Ab etwa acht klappt auch das Abwechseln satzweise. Das wird schnell albern und dadurch gut.
- ab 11 · Tweens & Teens
- Ehrlich gesagt sind Elfjährige meist raus aus dem Vorlesen. Was funktioniert, ist die Rolle des Erzählers für jüngere Geschwister. Oder ihr nutzt den Kalender als Schreibprojekt statt als Erzählprojekt.
Sicherheitshinweise
- Hier gibt es wenig zu warnen – gelesen und geredet wird im Sitzen. Zwei Dinge trotzdem:
- Nicht jeder Anfang passt zu jedem Kind. „Das Licht im Haus gegenüber“ und „Der Schlüssel, der zu keiner Tür passt“ können abends unheimlich kippen. Wer ein Kind hat, das schlecht einschläft, sortiert diese Karten vorher aus – das ist kein Zensieren, sondern kennen.
- Eine Kerze gehört nicht ans Bett. Wenn es beim Erzählen dunkel und gemütlich sein soll, nehmt eine Taschenlampe oder ein LED-Licht. Das ist dieselbe Regel wie bei unserer Laterne, und sie gilt hier genauso.
Varianten
- Variante 1
Der Kalender aus Umschlägen
Klammert statt Karten 24 kleine Briefumschläge an eine Schnur. Das sieht mehr nach Kalender aus, und ihr könnt noch eine Kleinigkeit hineinlegen.
- Variante 2
Die Dose statt der Schnur
Legt alle Karten in eine Blechdose, und jeden Abend wird blind gezogen. Das spart euch das Nummerieren und verhindert, dass jemand vorausliest.
- Variante 3
Der Familien-Kalender
Jeder von euch schreibt vier Anfänge, und niemand darf vorher sehen, welche. Der Reiz liegt dann auch darin, zu raten, wer sich welchen ausgedacht hat.
- Variante 4
Das ganze Jahr
Außerhalb des Advents funktioniert das genauso, etwa als Dose auf eurem Nachttisch, ohne Datum und ohne Zahlen. Dann habt ihr keinen Kalender mehr, einfach einen Vorrat.
Häufige Fragen
Mein Kind erzählt nicht weiter. Was mache ich falsch?
Vermutlich fragt ihr zu früh. Erzählt selbst zwei, drei Sätze und hört mitten im Satz auf. Damit ladet ihr viel stärker ein als mit einer Frage.
Muss ich mir die Geschichten vorher ausdenken?
Nein, und es ist sogar besser, wenn ihr es nicht tut. Ein Anfang, den ihr selbst noch nicht zu Ende gedacht habt, führt zu echterem gemeinsamen Suchen.
Reichen 24 Anfänge wirklich?
Für einen Advent ja. Manchmal zündet ein Anfang nicht. Dann legt ihr ihn zurück und zieht den nächsten, daran geht nichts kaputt.
Kann man das auch mit zwei Kindern machen?
Sehr gut sogar, wenn ihr abwechselnd satzweise erzählt. Bei großem Altersabstand hilft euch die Regel, dass das jüngere Kind anfängt. Sonst ist die Geschichte fertig, bevor es dran war.
Und wenn wir die Geschichte am nächsten Tag vergessen haben?
Dann war sie für den Abend gut genug. Wenn ihr eine behalten wollt, schreibt drei Stichworte auf die Rückseite der Karte. Das reicht zum Wiederfinden.
Alle 24 Anfänge zum Ausdrucken, jeder mit Kästchen zum Abhaken – dazu die Materialliste, die vier Tipps zum Weitererzählen und die Sicherheitshinweise.
Vorlesen in Hamburg
Im Kalender stehen Hamburgs Bücherei- und Vorlesetermine für Familien – offene Vorlesestunden, Bilderbuchkinos und Mitmachlesungen. Gerade im Advent gibt es davon besonders viele.
Vorlese-Termine im Kalender →








