
Die Taschenlampen-Vorlesestunde
Im Oktober wird es um halb sechs dunkel. Damit beginnt die längste Strecke des Familientags: die zwei Stunden zwischen Abendessen und Bett. Alle sind müde und trotzdem aufgedreht.
Die Taschenlampen-Vorlesestunde kostet nichts und braucht zehn Minuten Aufbau. Das Vorlesen macht ihr ohnehin, in der Höhle wird daraus ein Ereignis. Auch das Gruseln an Halloween bleibt hier kontrolliert: Das Licht habt ihr und eure Kinder selbst in der Hand.
Das braucht ihr
Alles davon habt ihr im Haus. Was fehlt, lasst ihr einfach weg.

2 große Decken
Je dunkler, desto besser. Eine helle Decke lässt zu viel Licht durch. Wolldecken oder ein altes Bettlaken sind leichter als Bettdecken.
3 bis 4 Kissen
Zwei zum Sitzen, eins in den Rücken, eins unter das Buch. Liegt das Buch flach auf dem Boden, spürt ihr nach fünf Minuten den Nacken.
6 bis 8 Wäscheklammern
Sie halten die Decken an den Stuhllehnen und aneinander. Ohne Klammern rutscht die Höhle bei der ersten Bewegung zusammen.
2 Taschenlampen
Eine zum Vorlesen, eine fürs Kind. Stablampen mit klarem Kegel sind schöner als Handys.
2 bis 3 Bücher
Nehmt mehr als eins mit, damit ihr wechseln könnt. Bücher mit großen Bildern und wenig Text funktionieren bei kleinem Licht am besten.
1 Kanne Tee
Optional. Schenkt lauwarm ein, nicht heiß, denn in einer Höhle wird irgendwann etwas umgestoßen.
1 Wecker oder Eieruhr
Nur wenn euer Abend ein klares Ende braucht. Eine Uhr, die klingelt, beendet die Höhle friedlicher als ein Erwachsener.
So geht's
Schritt 1
Die Höhle bauen
Erwachsene + Kind
Der Esstisch ist das beste Gerüst, das eure Wohnung hergibt. Legt die Decken über die Platte und klammert sie an den Ecken an den Stuhllehnen fest. Ihr solltet dabei eine Seite offen lassen. Sie dient als Eingang, und so kommt genug Luft hinein.
Habt ihr keinen Tisch frei, stellt zwei Stühle mit den Lehnen gegeneinander und legt eine Decke drüber. Das Bauen gehört zum Programm und dauert mit Kindern zehn bis zwanzig Minuten.
Schritt 2
Das Licht einrichten
Kind
Deckenlicht aus, Höhle an. Euer Kind bekommt seine eigene Lampe und darf sie behalten. Eure Vorlese-Lampe liegt neben dem Buch und zeigt schräg von der Seite auf die Seite, nicht von vorn. Direkt aufs Papier gerichtet blendet sie.
Am besten legt ihr die Lampe auf ein Kissen, sodass der Kegel flach über die Buchseite streift. Dann leuchtet die Seite, und der Rest der Höhle bleibt dunkel.
Schritt 3
Drei Regeln, einmal gesagt
Erwachsene
Erstens: Niemand leuchtet jemandem ins Gesicht. Mit Höflichkeit hat diese Regel wenig zu tun, sie ist ganz praktisch. Wenn euch jemand blendet, seht ihr in der dunklen Höhle eine Minute lang nichts mehr.
Zweitens: Wer aussteigen will, sagt „Licht", und dann geht das Licht an. Ohne Nachfrage, ohne Diskussion, ohne „gleich". Wegen dieser Regel funktionieren in eurer Höhle auch unheimliche Geschichten. Sie macht die Dunkelheit zu etwas, das jederzeit endet.
Drittens: Die Höhle bleibt stehen, bis die Geschichte zu Ende ist. Sonst wird aus eurem Vorlesen ein Hausbau mit Unterbrechungen.
Schritt 4
Vorlesen
Erwachsene + Kind
Und dann lest ihr einfach vor. In einer dunklen Höhle gibt es nichts anzuschauen außer der beleuchteten Seite. Kinder, die sonst nach drei Seiten aufstehen, bleiben hier sitzen.
Lest leiser als sonst, denn in einer Höhle wirkt eine halblaute Stimme näher. Und benutzt die Lampe als Zeigefinger: Kommt im Text ein Wolf vor, wandert der Lichtkegel auf den Wolf.
Schritt 5
Die Gruseldosis einstellen
Erwachsene
An Halloween liegt die Versuchung nahe, eine richtige Gruselgeschichte zu lesen. Das kann bei euch funktionieren, hat aber eine klare Bedingung: Die Geschichte muss gut ausgehen, und zwar im selben Leseabend. Eine unaufgelöste Spannung wandert sonst mit ins Bett.
Für kleine Kinder sucht ihr am besten Halloween-Geschichten aus, in denen am Ende das Gespenst Angst vor den Kindern hat statt umgekehrt. Dieses Umdrehen ist der ganze Trick, und Kinder finden es zuverlässig komisch.
Wenn ihr sicher gehen wollt, kündigt die Geschichte vorher an: „Die ist ein bisschen gruselig – sollen wir?" Ein Kind, das selbst zugestimmt hat, hält deutlich mehr aus als eines, das überrascht wird. Und wenn mittendrin „Licht" kommt, geht das Licht an, siehe Regel zwei.
Schritt 6
Der Ausstieg
Erwachsene + Kind
Am häufigsten geht es schief, wenn die Höhle direkt ins Zubettgehen übergeht: Licht an, abbauen, Zähne putzen, schlafen. Nach einer ruhigen halben Stunde ist das ein harter Schnitt.
Besser ist ein Zwischenschritt im Halbdunkel: nach der letzten Seite noch fünf Minuten Schattenfiguren mit der Lampe an der Höhlendecke. Danach Licht an und abbauen. Hilft der Wecker aus der Materialliste, bestimmt nicht ein Mensch das Ende.
Gelingt sicher
- Das Licht ist ein Vorlese-Werkzeug
- Der Lichtkegel kann mehr als beleuchten. Er kann auf das Detail im Bild zeigen, von dem gerade die Rede ist. Er kann Tempo machen und schnell über die Seite wandern, wenn es aufregend wird. Und er kann etwas verschwinden lassen. Knipst ihr beim Satz „und dann war der Kobold weg" die Lampe aus, bekommt ihr eine Sekunde vollkommener Stille. Ein Buch auf dem Sofa hat diese Mittel nicht.
- Wenn kein Kind mitmachen will
- Manchmal ist die Höhle einfach nicht das Thema des Abends. Dann nehmt ihr die kleine Fassung: normale Leseposition, nur das Deckenlicht aus und eine Lampe auf das Buch. Der halbe Effekt kommt allein vom Licht, nicht von den Decken. Die Höhle steigert ihn, sie ist keine Bedingung.
Für jedes Alter
- 0–3 · Kleinkind
- Ab etwa zwei funktioniert die Höhle, aber ohne Dunkelheit. Dimmt das Deckenlicht oder lasst das Flurlicht an, und legt die Decken nur über zwei Seiten. In diesem Alter ist die Höhle selbst der Punkt, nicht das Licht. Ihr lest Pappbilderbücher vor. Die eigene Lampe ist das beliebteste Spielzeug des Abends, also erwartet nicht, dass sie beim Buch bleibt.
- 4–6 · Kita & Vorschule
- Das Kernalter. Volle Dunkelheit, eigene Lampe, echte Geschichten. Die Regel mit dem Wort „Licht" verstehen eure Kinder jetzt und benutzen sie auch. Leicht unheimliche Bücher funktionieren nun ebenfalls, wenn sie im selben Abend gut ausgehen. Und die Höhle bauen die Kinder weitgehend selbst.
- 7–10 · Grundschule
- Hier dreht sich oft die Richtung um: Das Kind liest vor, und ihr hört zu. Für Leseanfänger ist das die angenehmste denkbare Übungssituation. Es ist dunkel, niemand schaut sie an, und der Lichtkegel liegt auf dem Text statt auf dem Vorleser. Kinder, die stockend lesen, lesen hier deutlich flüssiger als am Küchentisch.
- ab 11 · Tweens & Teens
- Für Ältere ist das Höhlenbauen albern, das Vorlesen trotzdem nicht. Bei euren Großen funktioniert diese Fassung: keine Decken, nur Licht aus und eine Lampe. Dazu ein Hörbuch oder ein Kapitel aus einem echten Roman, abwechselnd gelesen. Oder ihr gebt ihnen die Aufgabe, die Geschichte für die jüngeren Geschwister vorzulesen. Das machen erstaunlich viele gern, wenn ihr fragt, statt es anzuordnen.
Sicherheitshinweise
- In und um die Höhle brennt keine Kerze, auch keine im Glas. Decken über einem Tisch sind genau die Konstruktion, bei der niemand mitbekommt, dass etwas anfängt zu kokeln. Wenn Licht zur Stimmung gehört, dann LED-Teelichter.
- Die Batteriefächer von LED-Teelichtern und kleinen Lampen müssen verschraubt sein, wenn Kleinkinder dabei sind. Eine verschluckte Knopfzelle kann in der Speiseröhre schon nach rund zwei Stunden schwere Verätzungen verursachen, und die Beschwerden zeigen sich oft erst Stunden später und unspezifisch – Husten, Appetitlosigkeit, Erbrechen. Bei Verdacht sofort in eine Kinderklinik.
- Keine Decke über eine Steh- oder Nachttischlampe hängen und nichts an der Heizung befestigen. Der Stoff liegt dann auf einer warmen Fläche, ohne dass jemand es sieht.
- Eine Seite der Höhle bleibt offen. Das ist nicht nur der Eingang, sondern auch die Belüftung – und es verhindert, dass ein kleines Kind in einem geschlossenen Deckenzelt in Panik gerät, weil es den Ausgang nicht findet.
- Zum Befestigen Wäscheklammern verwenden, keine Schnüre oder Bänder. Gespannte Schnüre in Kopf- und Halshöhe sind eine bekannte Strangulationsgefahr, gerade dort, wo Kinder liegen und sich bewegen.
- Prüfen, was über der Höhle steht: Vasen, Gläser und alles Schwere gehören vom Tisch herunter, bevor die Decken darüber liegen. Von unten sieht man nicht, wogegen man stößt.
Varianten
- Variante 1
Die Höhle ohne Tisch
Stellt zwei Stühle mit den Lehnen gegeneinander, im Abstand von etwa einem Meter. Eine Decke kommt darüber und wird mit Wäscheklammern befestigt. Die Höhle ist kleiner, schneller aufgebaut und für zwei Personen völlig ausreichend. In einem schmalen Kinderzimmer ist das oft die einzige mögliche Bauweise. Weil sie in drei Minuten steht, baut ihr sie auch öfter als die große.
- Variante 2
Die Sterne-Decke
Stecht mit einer Nadel kleine Löcher in ein dunkles Stück Pappe und haltet die Pappe vor die Taschenlampe. An der Höhlendecke entsteht dann ein Sternenhimmel. Wenn ihr mögt, stecht ihr ein bestimmtes Sternbild. Das Lochstechen machen Erwachsene, das Erfinden der Sternbilder die Kinder.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter geht das mit echter Dunkelheit?
Das hängt weniger vom Alter ab als von eurem Kind. Ein Anhaltspunkt: Schläft es ohne Flurlicht ein, kommt es mit der dunklen Höhle meist gut zurecht. Für alle anderen gibt es die gedimmte Fassung, und die ist nicht schlechter. Der Effekt kommt ohnehin zu großen Teilen vom Deckendach und nicht von der Dunkelheit.
Mein Kind leuchtet die ganze Zeit herum, statt zuzuhören. Was tun?
Keine Sorge, das ist in den ersten zwei Abenden normal. Es legt sich, wenn die Lampe ihren Reiz verloren hat. Beschleunigen könnt ihr das mit einer Aufgabe: Euer Kind bekommt den Auftrag, immer das anzuleuchten, wovon gerade die Rede ist. Damit wird aus dem Herumleuchten Mitlesen.
Geht das auch an Halloween mit mehreren Kindern?
Ja, aber mit anderer Erwartung. Zu fünft unter einem Tisch wird es eng und laut, eine ruhige Vorlesestunde wird das nicht. Eher wird es eine Gruselrunde mit kurzen Geschichten. Das funktioniert gut, wenn ihr es von vornherein so plant. Nehmt zwei bis drei kurze Texte statt eines langen, und danach Licht an.
Aufbau, die drei Regeln und der Ablauf zum Ausdrucken – zum Danebenlegen, solange die Höhle noch neu ist.
Vorlesen außer Haus
Im Kalender stehen Hamburgs Vorlesestunden für Familien – die Bücherhallen lesen in fast jedem Stadtteil vor, meist kostenlos und ohne Anmeldung.
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