Über die Elbe, zwischen die Bäume, den eigenen Beutel vollmachen. Das Alte Land ist im September der naheliegendste Ausflug, den Hamburg zu bieten hat — und einer der wenigen, bei denen Kinder am Ende etwas Essbares in der Hand halten.
Es gibt diesen Moment, in dem ein Kind das erste Mal selbst einen Apfel vom Baum dreht. Nicht abreißt — dreht, so wie man es ihm gerade gezeigt hat. Danach ist der Rest des Nachmittags gelaufen, im besten Sinn: Es will alle. Wir fahren seit ein paar Jahren im September rüber, mal mit dem Rad über die Fähre, mal mit dem Auto über die Süderelbe, und der Ablauf ist inzwischen immer derselbe. Pflücken, bis der Beutel zu schwer wird. Kuchen. Heimfahrt mit klebrigen Fingern.
Das Alte Land liegt direkt vor der Haustür — Cranz gehört noch zu Hamburg, Jork beginnt ein paar Kilometer weiter. Über 18 Millionen Obstbäume stehen hier, es ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas. Was das für einen Familiensonntag heißt, steht in den üblichen Ausflugslisten leider nur halb drin. Deshalb hier die Version mit den Details, die man vorher wissen will.
Wann die Apfelernte im Alten Land wirklich losgeht
Die Selbstpflücke startet je nach Hof und Sorte Mitte bis Ende August mit den frühen Sorten — Delbarestivale, Gravensteiner — und läuft bis Ende Oktober. Der September ist die Mitte davon und die verlässlichste Zeit: Die Bäume hängen voll, die Höfe haben Personal da, das Wetter ist meistens noch mitspielbereit.
Die Region bündelt das Ganze unter dem Namen Altländer Apfelwochen — von August bis Oktober mit Hofführungen, Apfelkisten-Fahrten durch die Plantagen und offenen Hoftoren. Die Tourist-Info Altes Land gibt dazu jedes Jahr einen kostenlosen Flyer mit Übersichtskarte heraus, den es auch als Download gibt. Wer spontan losfährt, braucht ihn nicht — wer zwei Höfe an einem Tag kombinieren will, schon.
Eine Sorte, die es fast nur hier gibt: der Finkenwerder Herbstprinz. Alte Sorte, leicht säuerlich, lagerfähig bis in den Winter. Kinder finden den Namen lustig, und man hat für die Rückfahrt ein Gesprächsthema.
Äpfel selber pflücken: die Höfe, die mit Kindern funktionieren
Nicht jeder Hof lässt Besucher zwischen die Bäume. Diese vier tun es — und sind unterschiedlich genug, dass für jedes Alter etwas dabei ist.
Herzapfelhof Lühs in Osterjork 102 ist der bekannteste. Bio- und Demeter-Betrieb, über 250 alte und neue Apfelsorten im Herz-Apfel-Garten, Hofladen mit sortenreinen Säften und Apfel-Chips. Von April bis Oktober gibt es täglich öffentliche Hofführungen. Geöffnet ist Montag bis Samstag von 8 bis 18 Uhr, sonntags ab 10 Uhr. Für Kinder ist die Sortenvielfalt der eigentliche Spaß: einmal quer durchprobieren und feststellen, dass Apfel nicht gleich Apfel ist.
Obstparadies Schuback in Westerjork 81 ist der ruhigere Gegenentwurf. Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags und dienstags geschlossen — das ist der Fehler, den man einmal macht. Neben Äpfeln wachsen hier Kürbisse, Quitten und Walnüsse, es gibt Hofführungen und Baumpatenschaften.
Obsthof Matthies in Jork ist der Hof für den großen Tag: 22 Hektar in fünfter Generation, ein Café im Glashaus, Spielplatz, kostenlose Parkplätze und der Obsthof-Express, der über den Hof und in die Plantagen fährt. April bis Oktober täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet.
Im Apfelgarten von Familie Meyer am Neuenfelder Fährdeich 18 ist der Sonderfall — und für Familien ohne Auto der wichtigste. Der Hof liegt noch auf Hamburger Stadtgebiet in Cranz. Man meldet sich im Hofladen an, bekommt eine kurze Einweisung und Material zum Pflücken, dann geht es los. Gepflückt wird von den frühen Sorten im August bis in den Oktober.
Ohne Auto ins Alte Land: Fähre, S-Bahn, Bus
Das ist der Teil, den die meisten Listen weglassen — dabei entscheidet er über den ganzen Tag.
Nur mit HVV-Ticket (der günstigste Weg): Fähre 62 ab Landungsbrücken, Brücke 3, nach Finkenwerder — sie fährt vom 30. März bis zum 1. November. Dort steigt man in den Bus 150 Richtung Cranz um und ist in wenigen Minuten am Neuenfelder Damm, von dort sind es fünf Minuten zu Fuß. Achtung beim Ticket: Samstags, sonntags und feiertags gelten auf der HADAG-Fähre nur HVV-Zeitkarten und der Niederelbetarif, werktags auch Einzel- und Tageskarten. Fahrräder kosten 1,50 €. Für Kinder ist die Fähre kein Transportmittel, sondern der erste Programmpunkt: 25 Minuten Elbe, Containerschiffe, Wind.
Nach Jork: S3 Richtung Stade bis Buxtehude, dann Bus 2030 Richtung Jork/Steinkirchen. HVV-Tarif und Deutschlandticket gelten hier. Der Bus fährt allerdings nicht im Zehn-Minuten-Takt — vorher in der HVV-App die Rückfahrt anschauen, sonst steht man nachmittags mit müden Kindern an einer Landstraße.
Die schöne Variante: Die Lühe-Schulau-Fähre verbindet Wedel mit dem Anleger Lühe bei Grünendeich, quer über die Elbe in 25 Minuten. Sie fährt 2026 bis zum 18. Oktober, am Wochenende ab Schulau um 9:45, 11:45, 13:45, 15:45, 17:45 und 18:45 Uhr. Wichtig: HVV, DB-Tickets und Deutschlandticket gelten an Bord nicht. Eine einfache Fahrt kostet 7,00 € für Erwachsene und 3,00 € für Kinder bis 14 Jahre, unter 6 fahren frei, die Familienkarte für zwei Erwachsene und zwei Kinder liegt bei 17,00 €, das Fahrrad bei 3,20 €. Seit April 2026 kommt ein Treibstoffzuschlag dazu.
Willi sagt: Die Anreise ist beim Alten Land kein Vorspiel. Sie ist die Hälfte des Ausflugs.
Hofcafés und Erntefeste: wo der Tag weich landet
Pflücken funktioniert mit Kindern etwa eine Stunde. Danach braucht der Tag einen zweiten Ort, und dafür haben die Höfe Cafés. Beim Obsthof Matthies sitzt man im Glashaus, es gibt hausgemachten Kuchen und morgens ein Frühstücksbuffet — montags bis samstags von 8:30 bis 11:30 Uhr, sonntags Brunch von 9 bis 13 Uhr. Der Herzapfelhof verkauft im Hofladen Apfelsecco für die Eltern und Apfel-Chips für die Kinder, was die Verhandlungslage auf der Rückfahrt spürbar entspannt.
Der Termin, um den herum man den Ausflug plant, ist der Tag des offenen Hofes am zweiten September-Wochenende — 2026 am 12. und 13. September. Beim Obsthof Matthies bedeutet das: Hüpfburg, Spiel- und Bastelecke, Hofführungen, Schnitzeljagd, Fahrten mit dem Obsthof-Express und ein Blick in die Obstscheune mit Sortiermaschine und Kühlkammern, in denen Äpfel fast zwölf Monate frisch bleiben. Dazu Altländer Apfelsuppe und selbstgebackener Kuchen. Es ist voll an diesem Wochenende, aber es ist die Art von Voll, die Kindern gefällt.
Wer es ruhiger mag, kommt eine Woche später. Die Höfe sind dann leerer, die Bäume genauso voll.
Was der Tag kostet — und ab welchem Alter er sich lohnt
Kosten: Der Eintritt auf die Höfe ist überall frei, bezahlt wird das gepflückte Obst nach Gewicht direkt im Hofladen. Ein realistischer Familientag mit HVV-Anreise über Cranz, ein paar Kilo Äpfeln und Kuchen im Hofcafé landet bei rund 40 bis 55 € für vier Personen. Über die Lühe-Schulau-Fähre kommen 34 € für Hin- und Rückfahrt der Familienkarte obendrauf — dafür ist die Überfahrt ein Erlebnis für sich.
Alter: Ab etwa drei Jahren geht es los. Die Bäume im Alten Land sind niedrig gezogene Spalierbäume, Kinder kommen ohne Leiter an die Äpfel, und genau das macht den Unterschied zum Obstbaum im Schrebergarten. Die beste Altersspanne ist vier bis zehn. Ältere Kinder brauchen einen zweiten Anker — Fahrräder mitnehmen, den Elbdeich abfahren, an einem Anleger die Schiffe zählen. Mit Buggy funktioniert es, aber nicht überall: Zwischen den Baumreihen liegt Gras, oft weich, nach Regen matschig. Gummistiefel sind keine Übervorsicht.
Mitnehmen: eigene Beutel oder Körbe (viele Höfe geben Material aus, aber Stoffbeutel tragen sich besser), Wasser, Wechselsocken. Und einen Plan für die Rückfahrt, siehe oben.
Wenn das Alte Land zu weit ist: Apfelprogramm in Hamburg
Ein ganzer Tag über die Elbe ist nicht jedes Wochenende drin. Die Apfelsaison findet aber auch in der Stadt statt: Auf der Streuobstwiese Appelwisch in Sasel wird Mitte September geerntet und gemeinsam Saft gepresst, im Loki-Schmidt-Garten in Klein Flottbek laufen Ende September die Norddeutschen Apfeltage, und im Oktober folgen das Apfelfest in Francop — dem Hamburger Teil des Alten Landes — sowie das Apfel- und Erntefest im Wilhelmsburger Inselpark. Die aktuellen Termine mit Uhrzeit stehen bei uns in Willis Monatshighlights für September und laufend in der Eventübersicht für Hamburg.
Wer den Hof-Gedanken weiterspinnen will: In unserem Überblick zu Natur rund um Hamburg mit Wildpark und Bauernhof stehen sieben Ziele, die sich mit dem Alten Land gut abwechseln lassen. Und wenn es einfach nur um regionales Obst ohne Anfahrt geht, tut es auch ein Samstagvormittag auf einem der familienfreundlichen Wochenmärkte — Äpfel aus dem Alten Land liegen dort ohnehin auf jedem zweiten Stand. Beides kostet, wie viele der kostenlosen Hamburg-Tipps, erst mal gar nichts.
Was bleibt
Das Alte Land ist kein Ausflugsziel mit Attraktion. Es ist eine Landschaft, in der Kinder eine Stunde lang etwas Sinnvolles tun dürfen, und danach ist Kuchen. Genau deshalb funktioniert es. Wir kommen mit fünf Kilo Äpfeln nach Hause, die dann drei Wochen in der Küche stehen und langsam weniger werden, und irgendwann fragt jemand, ob wir nicht nochmal fahren können. Meistens im nächsten September.























