Heute Nacht um 02:05 Uhr hat der Herbst angefangen. Ab jetzt liefert Hamburg die eine Zutat zuverlässig, die den ganzen Sommer über gefehlt hat: Wind.
Ein Drachen kostet im Zweifel acht Euro und liegt in vielen Wohnungen seit letztem Oktober auf dem Schrank. Trotzdem scheitert der Nachmittag erstaunlich oft — und fast nie am Drachen. Er scheitert daran, dass man auf einer Wiese steht, die von Bäumen umstellt ist, oder an einem Ort, an dem Drachensteigen schlicht nicht erlaubt ist.
Beides lässt sich vorher klären. Dieser Text sortiert Hamburgs Spots nach dem, was zählt: freie Anströmung, erreichbare Anfahrt, und die Frage, ob man dort überhaupt fliegen darf. Denn das ist der Teil, den die meisten Listen weglassen — und in Hamburg ist er alles andere als eine Formalie.
Drachen steigen lassen in Hamburg: wann der Wind wirklich reicht
Die brauchbare Faustregel steht draußen vor der Tür, nicht in der App: Wenn die Blätter in den Bäumen deutlich rauschen und dünne Zweige sich bewegen, seid ihr bei Windstärke 3 — dem klassischen Drachenwind. Ein leichter Einleiner steigt schon darunter, ab Windstärke 5 wird es für Kindshände unangenehm ruppig.
Wichtiger als die Stärke ist die Sauberkeit des Windes. Bäume, Häuserzeilen und Deiche erzeugen im Windschatten Verwirbelungen, in denen selbst ein guter Drachen nervös kippt. Deshalb funktionieren an denselben Tagen die weite Wiese und der Strand, während der hübsche kleine Park zwei Straßen weiter nicht liefert. Sucht also nicht die schönste Fläche, sondern die freieste — mit mindestens 100 Metern offener Anströmung aus der Windrichtung.
Und plant den Nachmittag kurz. Eine Stunde Drachen, die gut endet, ist mehr wert als drei Stunden mit kalten Fingern. Wenn ihr ohnehin gerade Herbstausflüge sammelt: Das Alte Land in der Apfelsaison lässt sich mit einem windigen Deichspaziergang gut kombinieren.
Willi sagt: Der beste Drachenplatz ist nicht der schönste, sondern der leerste.
Stadtpark Hamburg: der Spot mit der eigenen Regel
Die große Festwiese im Hamburger Stadtpark in Winterhude ist der naheliegendste Ort der Stadt — riesig, flach, mitten in Hamburg und mit dem HVV in einer Viertelstunde erreicht (U3 Borgweg oder Saarlandstraße, dann ein kurzer Fußweg).
Der Haken: Der Stadtpark liegt eigentlich in einer Verbotszone — dort ist Drachensteigen nur als ausdrückliche Ausnahme erlaubt (warum, steht weiter unten), und die Ausnahme kommt mit eigenen Bedingungen. Die Leine darf höchstens 50 Meter lang sein, der Drachen höchstens ein Kilo wiegen, und metallene oder metallisierte Flächen und Gestänge sind nicht erlaubt. Für einen Kinderdrachen aus dem Supermarkt ist das kein Problem — den bekommt man ohnehin selten über 50 Meter hoch. Wer einen großen Lenkdrachen im Kofferraum hat, fährt besser woanders hin.
Was den Stadtpark für kleine Kinder trotzdem unschlagbar macht: Wenn der Drachen nach zwanzig Minuten langweilig wird, ist der nächste Spielplatz ein paar Minuten zu Fuß entfernt, und der große am Stadtparksee auch nur eine knappe Viertelstunde. Der Nachmittag ist damit gerettet, egal wie der Wind sich entscheidet.
Elbstrand und Marschlande: wo der Wind von allein kommt
Falkensteiner Ufer und Elbstrand Wittenbergen (Blankenese/Rissen). Der westliche Elbstrand ist der ehrlichste Drachenspot der Stadt: Vor euch liegt der Fluss, dahinter kilometerweit nichts. Bei Ebbe habt ihr festen Sand unter den Füßen und eine Fläche, auf der niemand im Weg steht. Anfahrt mit der S1 bis Rissen, dann mit dem Bus 388 bis zur Endhaltestelle Falkensteiner Ufer (ElbeCamp) — er fährt stündlich und hält unterwegs am Wittenbergener Weg, von dem aus ihr in ein paar Minuten am Strand seid. Bei striktem Nordwind lasst es: Dann steht ihr im Windschatten des Geesthangs und bekommt nur Verwirbelung.
Hohendeicher See, Ochsenwerder/Kirchwerder. Der auch Oortkatensee genannte Badesee liegt direkt hinterm Elbdeich in den Vier- und Marschlanden, und er ist nicht ohne Grund Hamburgs Surfrevier: Hier weht es fast immer. Der Hohendeicher See ist mit der Buslinie 120 (Haltestelle Oortkatenufer oder Overwerder) erreichbar, alternativ mit der S2 oder S7 bis Tiefstack und dort in die 120 umsteigen. Im September ist die Badesaison vorbei und der See gehört wieder den Familien — mehr zum Ort steht in unserem Überblick zu den Badeseen in Hamburg. Haltet Abstand zu den Surfern; deren Leinen und eure vertragen sich nicht.
Öjendorfer Park, Billstedt. Für den Hamburger Osten die beste Adresse: weite, offene Wiesen rund um den Öjendorfer See, ohne Baumreihen, die den Wind zerlegen. Vom U2-Bahnhof Steinfurther Allee sind es rund zehn Minuten zu Fuß in den Öjendorfer Park. Der Park ist groß genug, dass ihr auch an einem vollen Sonntag eine leere Ecke findet.
Wo Drachensteigen in Hamburg verboten ist
Das ist der Teil, den fast jede Spot-Liste unterschlägt. In Deutschland gilt: Innerhalb von 1,5 Kilometern um die Grenze eines Flugplatzes ist Drachensteigen verboten (§ 19 LuftVO). Außerhalb dieser Zonen darf die Leine höchstens 100 Meter lang sein. Zu den Flugplätzen zählen in Hamburg nicht nur der Flughafen und der Sonderlandeplatz Finkenwerder, sondern auch die Segelfluggelände und die Hubschrauberlandeplätze an Krankenhäusern — und die liegen mitten in der Stadt.
Konkret heißt das für drei beliebte Ausflugsziele:
- Boberger Dünen. Der Sandberg in der Boberger Niederung sieht aus wie gemacht dafür — ist es aber nicht. Mitten im Naturschutzgebiet liegt das Segelfluggelände Boberg mit einer 1200 Meter langen Graspiste, keine 600 Meter von der Düne entfernt. Dazu kommt auf den empfindlichen Dünenflächen ein Wegegebot. Für einen Herbstnachmittag lohnt sich Boberg trotzdem — nur eben mit Führung statt mit Drachen, zum Beispiel über das Boberger Dünenhaus.
- Fischbeker Heide. Gleiche Geschichte, andere Ecke: Das Segelfluggelände Fischbek grenzt direkt an.
- Die Alsterwiesen an der Außenalster. Die Wiese am Schwanenwik ist von der Hubschrauberplattform des AK St. Georg gut einen halben Kilometer entfernt und liegt damit klar in der Verbotszone.
Aus demselben Grund liegt auch der Stadtpark in einer Schutzzone — für ihn hat die Behörde aber die oben beschriebene Ausnahme erteilt: 50 Meter Leine, ein Kilo, kein Metall. Er ist damit der einzige Spot in dieser Liste, an dem eine Sonderregel das Fliegen überhaupt erst erlaubt.
Auch beim Müllberg in Hummelsbüttel und am östlichen Elbstrand in Övelgönne wird der Abstand zum nächsten Landeplatz knapp. Wer dort trotzdem fliegen will, fragt vorher besser nach.
Sicherheit, Alter und der richtige Drachen
Ein leichter Einleiner ist ab etwa fünf Jahren etwas, das ein Kind allein halten kann; mit Unterstützung klappt es schon ab drei oder vier. Lenkdrachen mit zwei Leinen sind eine andere Sportart — sie ziehen kräftig, brauchen mehr Wind und gehören nicht in kleine Hände.
Drei Dinge, die den Unterschied machen: Startet gegen den Wind, aber lasst das Kind nicht rückwärts laufen — dafür sind Wiesen zu uneben. Wickelt die Leine nie um Hand oder Handgelenk. Und haltet Abstand zu Oberleitungen, Bahnstrecken und Baumreihen, weil ein hängengebliebener Drachen dort nicht nur verloren, sondern gefährlich ist.
Drachen-Nachmittag in zehn Minuten gepackt
Was tatsächlich mit muss — und was den Abbruch verhindert.
- Windrichtung checken und danach den Spot wählen, nicht umgekehrt
- Handschuhe für die Leine, auch bei mildem Wetter
- Ersatzschnur und ein Rest Klebeband für den Riss im Segel
- Etwas Warmes zu trinken — Stillstehen im Wind kühlt schnell aus
- Plan B im Kopf: Spielplatz oder Café in Laufweite
Fazit
Hamburg macht es einem im Herbst leicht: Der Wind ist da, die Flächen sind es auch, und kosten tut das Ganze nichts — insofern gehört der Drachennachmittag in dieselbe Kategorie wie unsere übrigen Gratis-Ideen für Hamburg mit Kindern. Man muss nur zwei Fragen vorher klären: Woher kommt der Wind, und darf ich hier überhaupt fliegen. Danach ist es der einfachste Ausflug des Jahres. Und falls das Wetter kippt, steht der Plan B ja schon — zum Beispiel eines der Museen für Kinder in Hamburg.



















